Podium „mei – Beautiful
China“
Podiumsdiskussion mit: Jan Stael von Holstein (Silverlining Network
Berlin/ Shanghai), Dirk Jehmlich (Trendbüro), Mara Kurotschka
(BeijingCase), Klaus Metz (Esmod Modeschule), Jochen Noth (stadtkultur
international), Romy Rösser (Esmod Modeschule)
Moderation: Alexander Luckow (Design Factory)
Schönheit ist ein abstraktes, nicht greifbares Konzept, das
hinter vielen Aspekten des Daseins steht – sei es als Ästhetik
der Form im Design oder im Sinne persönlicher Attraktivität.
Sie ist fraglos häufig eine Frage des persönlichen Geschmacks,
jedoch sind die Vorstellungen von Schönheit stets Teil einer
Kultur und daher von nationalen und lokalen Tendenzen beeinflußt.
Die Podiumsdiskussion behandelte Konzepte von Schönheit und
Ästhetik in China.
Welcher Umgang mit Schönheit läßt sich in Chinas
Metropolen beobachten? Welche Parallelen und Differenzen werden
wahrgenommen? Auf welche Hintergründe führen sie zurück?
Unter welchen Einflüssen entwickelt sich der gegenwärtige
Wandel, welche Perspektiven eröffnet er? Die Teilnehmer,
welche sich über unterschiedliche Zeiträume mit der
Kultur Chinas auseinandergesetzt haben, schilderten ihre Beobachtungen
und tauschten sich über Erfahrungen aus. So sollte versucht
werden, sich den Hintergründen des Konzepts Schönheit
in China zu nähern. Auch wenn die Perspektive die eines Blicks
von außen war, gaben sowohl erste Eindrücke als auch
Beobachtungen durch regelmäßige längere Aufenthalte
durchaus Aufschluß über die Fragen.
Im Anschluß an die Diskussion wurde der Film „Beijing
moves“ von Mara Kurotschka gezeigt. Die Berliner Künstlerin
wird an der ZKM-Ausstellung totalstadt.beijing
case teilnehmen, die im September 2006 im Museum für
Neue Kunst in Karlsruhe eröffnet.
Auch wenn die Beobachtungen und vor allem die Bewertungen teilweise
auseinandergingen, gab es in vielen Bereichen Übereinstimmungen:
So wurde berichtet, dass gerade chinesische Jugendliche, nach
„greifbaren“ schönen Dingen befragt, vor allem
traditionelle Symbole wie Lotusblume, Jade, Seide, Drachen nannten
– Dinge, die vermutlich auch Europäern bei einer Befragung
zu Schönheit in China in den Sinn kommen würden.
Aus den Bereichen Kunst, Mode und Design wurde eine spannende
Entwicklung berichtet, die Neues hervorbringt, was nicht nur dem
Kopieren von Neuem (also Westlichem) entspringt. Der Einfluß
der westlichen Kultur ist durchaus bedeutend, wird im Westen selbst
jedoch nicht immer richtig bewertet: wesentlich ist häufig
nicht, dass sie Dinge als typisch für die westliche Kultur,
sondern lediglich, dass sie als neu empfunden werden. Auf der
Suche nach einer neuen Identität werden diese Einflüsse
durchaus aufgegriffen, jedoch mit traditionellen Elementen kombiniert,
so dass Neues, Außergewöhnliches entsteht. Auch das
Stadtbild Shanghais, der am stärksten durch die Kultur des
Westens beeinflußte Stadt, gleicht nicht dem New Yorks,
Londons oder Paris, sondern immer noch dem einer chinesischen
Stadt.
Während die Mode noch vor fünf Jahren eng an traditionelle
Formen wie zum Beispiel Kostüme der Oper angelehnt war, läßt
sich jetzt eine spannende kreative Entwicklung beobachten. Zahlreiche
Designer setzen sich bewußt mit den Veränderungen,
Themen wie Konsum und Wachstum auseinander und transportieren
sie in die Mode. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in
den Werken chinesischer Künstler schon seit längerer
Zeit, die Kunst war einer der ersten Bereiche, in dem neue Formen
gesucht und gefunden wurden. Auch in der Architektur zeigen sich
neue, moderne Formen, welche früher nicht bekannt waren.
Jedoch ist die chinesische Architektur – von beeindruckenden
Ausnahmen abgesehen – momentan mehrheitlich eine Fassadenkultur.
Während auf repräsentative Renderings und schöne
Bilder hoher Wert gelegt wird, kaschieren diese oftmals schlechte
Qualität, baulichen Schrott.
Diese Feststellung läßt sich auf viele andere Bereiche
übertragen, Schönheit ist im heutigen China zwar in
Tendenzen sichtbar, momentan aber eher zufällig, als dünne
Schicht an der Oberfläche, vorhanden.
Um diese Beobachtungen zu deuten, ist der Blick in die Vergangenheit
erforderlich: China muß zunächst als ein Land gesehen
werden, in welchem Schönheit über vierzig, fünfzig
Jahre lang systematisch zerstört wurde – was tiefe
Wurzeln geschlagen hat. Mao beschrieb das Land als „ein
weißes Blatt Papier, auf das sich die schönsten Zeichen
malen lassen“. Der Maoismus bestand in einer Negation des
Konzeptes Schönheit, der traditionellen Kultur; er hat zu
einem der radikalsten Brüche in der chinesischen Kultur überhaupt
geführt, kein leeres Blatt, aber ein kulturelles Trümmerfeld
hinterlassen. Viel Traditionelles wurde zerstört –
selbst die Sprache, der für die Bewahrung einer Kultur eine
essentielle Rolle zukommt, wurde durch die Schriftreform stark
verändert.
Nach dem Ende dieser Zeit war Schönheit wieder erlaubt, man
sehnte sich nach Schönheit, dekorativen Dingen – was
zunächst in eine Welle des Kitsch führte. So gab es
in den achtziger Jahren den Kalauer: „In China gibt es keinen
Kitsch, weil alles Kitsch ist”. Nun lassen sich die Anfänge
eines Neubeginns mit hoch interessanten Tendenzen beobachten –
jedoch geht dieser Neuanfang bislang lediglich von einer Minderheit
aus.
Der Ausblick auf die weitere Entwicklung kann aus sehr unterschiedlichen
Perspektiven betrachtet werden.
Von einer starken Veränderung, einer Verstärkung der
vorhandenen Tendenzen wird ausgegangen. So wird prognostiziert,
dass sich das Phänomen, welches sich in den achtziger Jahre
in der Mode beobachten ließ, als japanische Kollektionen
weltweit die Designer inspirierten, mit einem starken kreativen
und intellektuellen Einfluß der chinesische Avantgarde –
auch in Europa – wiederholen wird. Shanghai Tang wird nicht
das einzige weltweit erfolgreiche chinesische Label bleiben, sondern
von zahlreichen weiteren ergänzt werden.
Die Schönheit im Sinne persönlicher Attraktivität
wird als zunehmend wichtiger Faktor eingestuft: in der Masse der
Menschen wird es zunehmend entscheidend, durch attraktives Aussehen
aufzufallen. Insbesondere im Hinblick auf eine Arbeitslosenquote
von offiziellen 4 % und geschätzten 12 % in den chinesischen
Großstädten wird Attraktivität zum Wettbewerbsfaktor
beim Kampf um einen Arbeitsplatz. In der rasch steigenden Zahl
der Kliniken für Schönheitschirurgie – mit Schönheitsoperationen
werden bereits jährlich 1,6 Milliarden Euro umgesetzt –,
in der Wahl zur „Miss Plastic Surgery“ in China zeigen
sich die ersten Manifestationen dieser Entwicklung.
Gerade im Gegensatz zu einer als Stillstand wahrgenommen Situation
in Deutschland, welche auf zu langes Abwägen, zu viele Diskussionen
zurückgeführt wird, übt die Geschwindigkeit des
Wandels besonders auf Außenstehende eine starke Faszination
aus – neben der die Frage nach dem Wert seiner Ergebnisse
und deren Ästhetik zeitweise verblaßt: „Immerhin
wird etwas gemacht“ – das Wachstum und dessen Geschwindigkeit
werden dem Stillstand vorgezogen, negative Auswirkungen traten
dabei bisweilen in den Hintergrund. Jedoch wird immer deutlicher
sichtbar, dass die Menschen mit dem Tempo der Veränderung
nicht Schritt halten können. Durch die hohe Geschwindigkeit
des Wandels entstehen massive Probleme, viele Menschen fühlen
sich allein gelassen und überfordert. Das Thema Geschwindigkeit
wird künftig als eine der größten Herausforderungen
in der chinesischen Gesellschaft eingeschätzt.
In welche Richtung wird sich die Kultur in China im Prozess der
Globalisierung entwickeln? Die zahlreichen Ansätze eines
Rekurses auf die Tradition und ihrer Symbole stellen vor allem
Zitate, Verweise auf Verschwundenes dar – was jedoch nicht
notwendig bis in die Wurzeln zerstört wurde. Die formelle
Ästhetik einer traditionell geprägten und über
Jahrtausende gewachsenen Kultur und deren Konzept von Schönheit
zeigen sich in diesen Zitaten wie auch in unbewußten Gesten
wie Körperbewegungen – und bringen zusammen mit aktuellen
Einflüssen Neues, Spannendes hervor.

Teilnehmer:
Dirk Jehmlich
von Trendbüro berichtete von seinen Projekterfahrungen in
China. Im Rahmen verschiedener Trendforschungsprojekte traf er
zahlreiche Vertreter aus Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft,
um mit ihnen über das China von morgen zu sprechen, Gesellschaftstrends
und deren Hintergründe zu erforschen. Trendbüro ist
ein international tätiges Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen
Wandel, das sich auf die Entwicklung von Marken- und Kommunikationsstrategien
sowie Produktinnovationen spezialisiert hat.
->
www.trendbuero.de
Jan Stael von Holstein
ist Präsident des Silver Lining Networks. Er war Gründungsmitglied
von Unimark International und spielte eine führende Rolle
bei der Aufstellung von Landor Associates und WPP/Enterprise IG
in Europa. Er hat in fast jeder Branche in Unternehmen wie Ford,
Renault, Daimler Chrysler, VISA, Shell an komplexen Marken und
Corporate Identity Projekten gearbeitet und ist seit vier Jahren
im Bereich Design zwischen China und Europa tätig.
->
www.silverliningnet.com
Jochen Noth
studierte Literatur und Politikwissenschaft in Heidelberg und
Paris. Er lebte und arbeitete neun Jahre als Journalist und Hochschuldozent
in Beijing und seither als Consultant, vor allem im Bereich Kulturaustausch
und Architektur tätig. Jochen Noth ist Vorstandsmitglied
von stadtkultur international, einem Berliner Verein zur Förderung
des Kulturaustausches zwischen Berlin und China in den Bereichen
Architektur und Stadtentwicklung, sowie Geschäftsführer
des Asien-Pazifik-Institut für Management.
->
www.stadtkultur-international.de
ESMOD ist das größte Netzwerk von Modeschulen weltweit
mit 18 Schulen, u. a. in Berlin und China (Beijing). Die Schulen
stehen in engem Austausch und arbeiten in Austauschprogrammen
und gemeinsamen Projekten zusammen. Klaus
Metz, stellvertretender Geschäftsführer
von ESMOD Berlin, hat gemeinsam mit Romy
Rösser, Studentin und Gewinnerin
des zweiten Preises und des Preises der besten deutschen Kollektion
beim Hempel International Young Fashion Designers Contest 2006
in Beijing, am Podium teilgenommen.
->
www.esmod.de | ->
www.esmod.com.cn
Die freischaffende Choreographin Mara
Kurotschka war Teilnehmerin bei
„Beijing Case“, einem Programm der Kulturstiftung
des Bundes zur Stadtentwicklung in Megacities. Ziel des Programms
war es, die kulturellen, sozialen und lebensweltlichen Auswirkungen
des asiatischen „Hochgeschwindigkeitsurbanismus“ zu
untersuchen und beispielhaft zu vermitteln. Intention ihrer Arbeit
war es, im gewissen Sinne die „Tänze des Alltags“
aufzuspüren und festzuhalten.
->
www.beijingcase.org | ->
www.zkm.de
Moderation:
Alexander Luckow
ist selbständiger Designmanager und Markenberater in Berlin
und Hamburg und ist Dozent an der Design Factory in Hamburg und
der Universität Wien. Er ist Gründungsmitglied des Silverlining-Networks
– einem weltweiten Verbund unabhängiger Brand Identity
und Design Büros, u. a. in Berlin und Shanghai. In seiner
Laufbahn hat er für diverse Agenturen im In- und Ausland
gearbeitet, u. a. Enterprise IG, Henrion, Ludlow & Schmidt,
Fischer & Scholz, Leo Burnett und BDG McColl.
->
www.designfactory.de
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12.4.2006,
19.30
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Neues Kranzler Eck
Kurfürstendamm 22 10719 Berlin
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